Best of BMW: 2002 Racer

BMW 2002 - Heck

BMW 2002 - Motor

BMW 2002 - Interieur

BMW 2002 - Ansaugstutzen

Fotos: Deniss Podnebess

Das im Nordosten Europas gelegene Estland gilt im Gegensatz zu vielen anderen Ländern nicht gerade als Kulturhochburg für Autoenthusiasten. Dennoch gibt es in dem baltischen Staat eine kleine aber feine Szene, die analog zu den Skandinavischen Nachbarn, beispielsweise in Finnland oder Schweden, äußerst motorsportaffin ist. Vor allem die adrenalinreichen Viertelmeilen-Wettbewerbe haben es zahlreichen Hobby-Rennfahrern angetan. Privat organisierte, unter professionellen Voraussetzungen stattfindende Drag-Racing-Events ziehen über den ganzen Sommer verteilt Speedjunkies in ihren Bann. Und als ebensolcher bezeichnet sich auch der Protagonist dieser Story, Eero Pesur aus der Estnischen Hauptstadt Tallinn.

Der 29-Jährige betreibt eine kleine Tuning- und Rennsport-Manufaktur namens Pesur Motorsport und vertreibt sich mit Viertelmeilenrennen seine rare Freizeit. Seine Motorbegeisterung zeichnete sich bereits in frühester Kindheit ab; sein erstes eigenes Auto, einen klapperigen Fiat 128 Turbo besaß er mit gerade einmal 14 Jahren. ”Seit dieser Zeit hatte ich stets verölte Hände. Alles, was ich über die Technik eines Autos weiß, habe ich mir durch eigene Erfahrungen selbst angeeignet – und natürlich durch jede Menge Fehler”, denkt Eero lachend an seine Teenie-Zeit zurück. Sein Interesse an der Marke BMW wurde 1997 geweckt, als er sich nach einigen Amerikanischen Muscle Cars einen 325iX E30 zum rennenfahren in die Garage stellte. Es folgten etliche weitere Bajuwaren desselben Typs, die alle eins gemeinsam hatten: jede Menge Leistung, teilweise sogar durch M3-Sechszylinder hervorgerufen.

Im Jahr 2003 sah sich Eero dann nach etwas völlig Neuem, beziehungsweise Altem um: ”Die Fahrerei mit den Allrad-E30 war schon super, aber irgendwann wollte ich mal ein wirklich cooles altes Auto mit moderner Technik haben. Diese ganze Old-School-Geschichte finde ich halt richtig klasse”, erinnert sich der Este an die Anfänge seines immer noch aktuellen Projektes, deren Ausgangsprodukt ein nicht wirklich originaler BMW 2002 aus dem Jahr 1973 ist. Der Vorbesitzer hatte bereits den Innenraum leergeräumt und eine Sicherheitszelle einbauen lassen. Der Rest des Fahrzeuges war allerdings in eher schlechtem Zustand, weswegen zunächst etliche Rostschäden beseitigt werden mussten, bevor überhaupt an einen Aufbau zum Rennwagen zu denken war. Außerdem hatte der 02 keinen Motor, was Eero jedoch durchaus gelegen kam. Aber dazu später mehr. Immerhin: Der aufgerufene Preis fiel mit 4.000 Euro angemessen günstig aus.

Nach dem Kauf fristete der BMW zunächst ein drei Jahre währendes Schattendasein in der hintersten Ecke einer großen Garage. Der Grund: Der leidenschaftliche Schrauber wollte erst das nötig Kleingeld zusammensparen, um das Projekt in einem Zug ohne Unterbrechung fertigstellen zu können. Denn seine Pläne, und das ist das einzige, was von vornherein klar war, würden nicht eben günstig zu realisieren seien: ”Ehrlich gesagt hatte ich anfänglich keine Ahnung, wo die Reise mit dem 02 hingehen würde. Das einzige, was feststand: Er sollte schnell werden”, erinnert sich der Oldtimer-Fan, der als erstes Zubehör 8,5J und 10J x 17 Zoll große BBS-Räder zur Seite legte. Dass der Aufbau insgesamt rund 25.000 Euro verschlang, stützt diese Idee nachhaltig.

Dafür dürfte der 02 heute aber auch wirklich einzigartig sein. Nehmen wir die Karosserie: Nachdem Eero die erwähnten vom Rost befallenen Stellen beseitig hatte, sollte der zierliche Body des Oldtimers gehörig an Präsenz dazugewinnen. Dies konnte durch ein Floßmann-Kit im M3-GTR-Design erreicht werden, welches in mühevoller Kleinarbeit an den kleinen Zweitürer angepasst werden musste. Weitere Attribute des rennmäßigen Updates: Hauben aus GFK (mit Schnellverschlüssen) und der Verzicht auf die Heckschürze. Anschließend wurde der BMW in ein sattes Rot gehüllt. Dabei war das feurige Kolorit nicht unbedingt Eeros Favorit: ”Bei einem Rennwagen kann immer mal was passieren, so dass ich eine Lackierung haben wollte, die im Fall der Fälle schnell wieder herzustellen ist. Effektlacke oder eine zweifarbige Gestaltung verboten sich da von selbst, auch wenn ich gerne so etwas gehabt hätte”, gesteht der Este.

Keine Kompromisse hingegen ging er bei der Neukonfiguration des Fahrwerks ein. Den speziellen Herausforderungen des Rennsports angemessen, kamen in diesem Bereich nur moderne Zutaten infrage. Vorderradaufhängung stammt vom 3er E36, das Lenkgetriebe und die Hinterradaufhängung vom 3er E30. Dies kombinierte der Racer an der Vorderachse mit in Höhe und Härte sowie in Druck- und Zugstufe verstellbaren Bilstein-Dämpfer. Hinten kamen ebenfalls in Höhe und Härte sowie in Druck- und Zugstufe verstellbare Dämpfer zum Einsatz, hier allerdings von der Japanischen Marke Tein. Für ein rundum auf seine Bedürfnisse abgestimmtes Setup fertigte der Viertelmeilen-Pilot zudem in Eigenregie Sturzplatten an. Bilstein-Federn vorn und Tein-Federn hinten Komplettieren das komplexe Fahrwerk.

Das Herzstück dieses Projektes war trotz der bisherigen Mühen, die der Besitzer bis dato investiert hatte, der Motor. Zwischen den Stehwänden tobt nämlich ein nach allen Regeln der Kunst getunter M3-E46-Motor, der es dank zahlreicher Optimierungen auf gute 384 PS bringt. Dass ein nach heutigen Maßstäben als Fliegengewicht geltendes Fahrzeug wie der 02 – Serienleergewicht 990 Kilo – damit zu rasanten Fahrleistungen fähig ist, leuchtet ein. Als Gradmesser dient bei diesem Fahrzeug der Passion des Besitzers gehorchend weniger der Standardsprint von null bis hundert sondern die erzielte Bestmarke auf der Viertelmeile. Als bislang bestes Resultat für die 402,34 Meter lange Herausforderung steht eine Zeit von 11,4 Sekunden bei einer Geschwindigkeit von 189 km/h zu Buche. Um die nötige Traktion zu gewährleisten, bekam der Antriebsstrang Verstärkung und Form eines überarbeiteten M5-Hinterachsdifferentials mit 75 prozentiger Sperrwirkung. Damit der schnelle Oldie am Ende des Dragstrips nicht übers Ziel hinausschießt, wurde auch die Bremsanlage weitreichend optimiert. Dem zur Folge sind es nun Brembo-Vierkolbensättel, die vorn 328er und hinten 300er Alcon-Scheiben – jeweils innenbelüftet und gelocht – in die Zange nehmen.

Nach diesem bis hierher doch in beträchtlichen Maße betriebenem Aufwand musste Eero glücklicherweise nicht mehr allzu viel Zeit in den Innenraum stecken. Wir erinnern uns: Der Vorbesitzer hatte bereits einige Vorarbeiten, wie das Leerräumen oder das Einsetzen einer Sicherheitszelle, erledigt beziehungsweise erledigen lassen. Eero fügte dem dann eine Sabelt-GT2-Sitzschale mit Sechspunkt-Gurt, ein Sabelt-”Turini”-Lenkrad, einen Autogauge-Drehzahlmesser, ein Shiftlight, eine Eigenbau-Kohlefaser-Schalterkonsole sowie Tür und Seitenverkleidungen aus Kohlefaser hinzu. Anschließend versiegelte er seinen hellgrau gestrichenen Arbeitsplatz mit einem besonders kratzfesten Klarlack.

Fragt man den Esten, der insgeheim von einem 02 mit einem Turbomotor aus der Formel 1 träumt, nach dem schönsten Moment mit seinem Auto, folgt eine eher unerwartete Antwort: ”Eines Tages war ich mit meinem 02 auf öffentlichen Straßen unterwegs und kam in eine allgemeine Verkehrskontrolle. Ich habe selten gesehen, dass zwei gestandene Polizeibeamte derart ratlos aus der Wäsche geguckt haben.” Der Grund: Wirklich alle Details an Eeros Fahrzeug sind eingetragen. Die Zulassungsbestimmungen scheinen in seiner Heimat also doch etwas lascher als hierzulande zu sein. Wer weiß, vielleicht wird deshalb aus Estland bald doch noch eine Kulturhochburg für Autoenthusiasten? Wir werden die Augen offen halten.

Von: Marcel Kühler

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