No Sports!

Fotos: Marcel Kühler

Schnelle Autos liegen Alex Kassner im Blut. Bereits seit dem Judenalter träumte er von einem eigenen Sportwagen. Sein Interesse an vierrädrigen Fortbewegungsmitteln gab später auch die berufliche Laufbahn vor. Nach der Schule machte der heute 25-Jährige eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker. Seit vier Jahren ist er im Besitz eines Meisterbriefes und verdient seine Brötchen bei Mansory, einem Tuner, der sich vor allem durch extreme Kreationen auf Basis sündteurer Hochleistungssportwagen einen Namen gemacht hat. Einen besseren Job kann sich der Bayer momentan nicht vorstellen: ”Ich bin in der glücklichen Lage, mein Hobby zu meinem Beruf gemacht zu haben. Und ich habe heute noch sehr viel Spaß daran. Ihr könnt Euch deshalb ja vielleicht denken, dass ich an meinem BMW fast alle arbeiten selbst erledigt habe”, erzählt Alex beim Fototermin.

Ein unbeschriebenes Blatt in Sachen M3-Veredelung war er vor der Projektphase seines phönixgelben Coupés übrigens nicht: ”Ich hatte bereist zuvor einen schönen M3 E46, den ich mir ebenfalls schick zurecht gemacht hatte. 2009 hatte ich damit jedoch einen schweren Unfall. Der Wagen war danach Schrott. Für mich stand umgehend fest, dass ich umgehend einen neuen M3 E46 haben will. Der E92 gefällt mir nämlich nicht. Dummerweise bezahlte mir die Versicherung längst nicht alles, was ich in den BMW hineingesteckt hatte. Ich suchte mir deshalb ein Exemplar, das bereits in etlichen Bereichen vom Vorbesitzer verschönert worden war.”

Der sportlich Ambitionierte Fahrer stellte überdies auch einige Ansprüche die Werksausstattung betreffend. So sollte sein neue Sportgerät auf keinen Fall über ein Schiebedach, das SMG-Getriebe oder das Harman/Kardon-Soundsystem verfügen, würden sich diese Dinge doch nur negativ auf der Waage bemerkbar machen. Auf dem BMW-Treffen im Fränkischen Himmelkron lernte Alex ein paar Tage vor seinem Crash den Besitzer der Firma Felgen-Garage kennen, der einen M3 genau nach seinem Geschmack besaß: ”Wir scherzten noch an diesem Tag, dass sein Auto irgendwann mal mir gehören würde. Nur eine Woche später wurde aus einem Flachs Realität. Der Preis für den M3 lag zwar fast auf E92-Niveau, aber er war topgepflegt und deshalb jeden Cent wert.”

Außerdem hatte das Hochleistungscoupé bei Übernahme schon einige hochwertige Komponenten an Bord, die für noch mehr Dynamik als in der Serienkonfiguration bürgten. Darunter Highlights, wie das AC-Schnitzer-Frontzubehör (Splitter und die Karbon-Lippe), 20-Zoll-Felgen von BBS oder ein voll justierbares Gewindefahrwerk der Variante 3 von KW Automotive. Und auch der Motor hatte bereits eine umfassende Kur hinter sich. Ausgeführt wurde sie bei DS Motorsport im Siegerland. Die BMW-M-Spezialisten verbauten ein Maßnahmenpaket der Stufe 3. Dies beinhaltete eine Kohlefaser-Airbox mit angepasster Alpha-N-Steuerung und Kennfeldoptimierung, scharfe Nockenwellen, einen Fächerkrümmer sowie eine Edelstahl-Abgasanlage mit 200-Zellen-Katalysatoren und Endrohren im 76-Millimeter-Format. 380 PS und 400 Newtonmeter maximales Drehmoment sind laut Halter die Konsequenz aus diesen Zutaten. Eine Brembo-Bremsanlage gehörte ebenfalls zu den von DS Motorsport erledigten Modifikationen.

Alles in allem erwarb Alex eine bereits sehr attraktive Basis für sein Projekt. ”Basis” deshalb, weil er nicht daran dachte, es beim beschriebenen Zustand zu belassen: ”So schön mein M3 auch beim Kauf war, ich hatte einfach zu viele gute Ideen auf Lager. Die Grundpfeiler meines Konzeptes waren Karbon, Motorsport, Leichtbau und Performance. Und natürlich meine oberste Prämisse: Dezent sollte mein Auto trotz aller Modifikationen bleiben. Den Eindruck einer 'Bastelbude' wollte ich komplett vermeiden. Immerhin reden wir hier über einen M3 und nicht über einen 320i mit M-Aufkleber.” Kourosh Mansory, Alex´ Boss, stand mit Rat und Tat zur Seite. Der Tuner ist unter anderem auf die Anfertigung passgenauer Karbonteile spezialisiert und steuerte für den M3 diverses Kohlefaserzubehör für den Innenraum – Dekorleisten, Instrumentenblende, Türgriffe etc. – sowie Luftschlitze für die Motorhaube zur Verfügung. Letztere sind zwar eigentlich für den Englischen Gentlemen-Sportwagen Aston Martin DB9 gedacht, passen optisch jedoch auch sehr gut zur BMW-Motorhaube.

Weitere Kohlefaser-Komponenten – die Nieren, die Kiemen und die Außenspiegel – ließ der 25-Jährige aus den USA einfliegen. Aus England wiederum wurden die (Echt-)Karbon-Embleme geliefert, während die Carbon-Factory-Lenkradspange vom Ostwestfälischen Rietberg aus ihren Weg nach Bayern fand. Das Karosseriestyling komplettierte die Firma 2K Werbetechnik, indem sie das Dach mit mattschwarzer Folie einkleidete. Aber auch technisch gab es für Alex noch Nuancen zu verbessern. So ersetzte er das Variante-3-Fahrwerk von KW durch ein Clubsport-Derivat des selben Anbieters, welches im Vergleich zur Variante 3 noch mehr auf Rennstreckentauglichkeit abgestimmt ist und härtere Federraten aufweist. H&R-Sportstabilisatoren ergänzten das Set-up.

Die von DS Motorsport montierte Brembo-Bremsanlage bot sicherheitsrelevanten Anlass zu Kritik, wie der M3-Pilot erzählt: ”Ich hatte massive Probleme mit der vorderen Bremse: Die Scheiben waren in Verbundbauweise gefertigt, bestanden also aus einem Alu-Topf mit zehnfach verschraubtem Reibring. An der Verschraubung entstand nach etwa 25.000 bis 30.000 Kilometer ein Spiel von 0,5 bis 1,0 Millimeter. Dies hat beim Fahren dazu geführt, dass der Reibring heftige Vibrationen verursachte. Es sind sogar drei Schrauben beim Bremsen gebrochen. Mir wurde von einem bekannten Bremsenfachmann, der Firma Schmid Motorsport gesagt, ich solle keinen Meter mehr damit fahren. Es bestünde Lebensgefahr, wenn der Reibring komplett abreisst. Da DS Motorsport eine Garantieleistung ablehnte, musste ich mich nach etwas Neuem umschauen.”

Fündig wurde Alex in Coburg bei der Firma AJR-Performance, die in Windeseile an der Vorderachse eine Achtkolben-Festsattel-Anlage von D2 Racing mit geschlitzten Verbund-Scheiben montierte. Vom schnellen Service des Tuning-Shops ist der BMW-Fan heute noch begeistert. Die Bis dato abschließenden Veränderungen betrafen dann einmal mehr das Interieur. Leichte Recaro-Rennschalensitze, die Alex von seiner guten Bekannten Katrin Müller beledern und mit Nordschleifen- beziehungsweise M-Stickereien veredeln ließ, sollten neben den zuvor installierten Karbon-Intarsien fortan für eine Prise Rennsport-Flair sorgen. Dadurch wurde das eigentlich viersitzige Sportcoupé jedoch zum Zweisitzer degradiert. Der TÜV verlangte für eine ordnungsgemäße Eintragung der Schalen, dass die Rückbank stillgelegt wird. Ergo verschwanden die Rückenlehne und die hinteren Gurte ersatzlos. Eine speziell angefertigte Kohlefaserplatte verschließt heute die Öffnung zum Kofferraum hin.

Darüber hinaus erhielt das werksseitige Audio-/Navigationssystem Unterstützung durch Jehnert-Doorboards mit Dreiwege-Bestückung, einen Soundstream-Verstärker sowie ein Intravee-iPod-Modul. Moment! Erinnern wir uns zurück an die Grundkonzeption des BMW: Motorsport, Gewichtsreduktion, Performance – und jetzt auch noch HiFi? Wie passt das denn nun zusammen? Alex grinst: ”Ich weiß, dass das ein Widerspruch ist. Aber ich habe eine schlanke Freundin. So gleicht sich das wieder aus!”

Weitere Bilder und Informationen zu diesem Fahrzeug finden Sie in BMW SCENE Ausgabe 05/11!

Von: Marcel Kühler

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